Interventionen

Unter dem Titel 'Minimundus' hat Deborah Sengl 2018 eine 17-teilige Serie von Bildern geschaffen

Minimundus

DEBORAH SENGL
Unter dem Titel 'Minimundus' hat Deborah Sengl 2018 eine 17-teilige Serie von Bildern geschaffen, die in Setzkastenform Denkmäler, Wahrzeichen und prägnante Örtlichkeiten von Klagenfurt auf neuartig verwandelte Weise darstellen. Anlass für diese Serie war das 500-Jahr-Jubiläum der Stadt Klagenfurt und sie stellte zu weiteren Ausstellungen und Kunstprojekten in diesem besonderen Jahr, die Klagenfurt in einem kritischen Licht beleuchten, eine skurril-ironische Ergänzung dar. Mit viel schwarzem Humor nimmt die Künstlerin hier, basierend auf umfassenden Recherchen, die in Wahrzeichen gegossene Geschichte der Stadt unter die Lupe und hinterlegt diese mit feinsinniger Kritik. Es sind sowohl die Vergnügungskultur wie auch die gesellschaftlichen Umstände und die Politik in Klagenfurt, welche die Künstlerin durch Formen des Umwandelns, Ergänzens und Täuschens mit viel Witz hinterfragt – gern vergessene Tatsachen oder alternative Sichtweisen der Dinge werden in origineller Bildhaftigkeit ans Licht gebracht.

So erhält der Pyramidenkogel ein Dirndlkleid und seine weiblichen Grundformen werden enttarnt, zugleich wird die neue Form der erotisch-fröhlichen Trachtenkultur aufs Korn genommen. Das Wörtherseemandl hingegen überschwemmt die Stadt mit Stroh-Rum und das Wörtherseestadion mit seiner langen problematischen Geschichte wird zur Käsnudel, als Zeichen einer Gesinnung, die das finanzielle Debakel und den radikalen Umbau des Ortsbildes beim genüsslichen Verzehr des kultigen Leibgerichts mitverspeist. Der Lindwurm wird seiner ursprünglichen Natur gerecht und zeigt sich nicht als beschauliches Denkmal, sondern als knochenfressendes Untier. Hannes Jagerhofer, als segnender Kaiser auf einem Reliquienteller dargestellt, hält als Reichsapfel einen Beach-Volleyball, und ein streitkräftiges Wikingerboot mit dem mehr gaukelnden als fliegenden Lindwurm auf seinem Banner, durchkreuzt den Lendkanal – ein humorvolles Zeichen für die langjährigen Versuche zu dessen Beschiffung und Nutzung. Ebenso sehen wir das Maria-Theresien-Denkmal unter einer Kerze dahinschmelzen – gerne wird vergessen, dass die erste Skulptur aus Hartblei von Balthasar Moll 1870 weichen musste – angeblich wegen Schäden. Die Mollstatue wurde zerschlagen und das Blei während des russisch-türkischen Krieges zu Kanonenkugeln eingeschmolzen. Das Areal des Neuner-Hauses als Teil einer alteingesessenen Leder- und Schuhfabrik wird vom groß angelegten Modetempel City-Arkaden gefressen und auch Kaiser Maximilian I. kommt nach seiner Umwandlung nicht gut weg: Er trägt Haiders Konterfei und schenkt nicht Klagenfurt den Landständen, sondern überreicht in seinem Gabbrief die Hypo-Alpe Adria. Auf der Sternwarte erblickt man fasziniert das Sternbild 'Lindwurm' und Bernhard von Spanheim am Dr. Arthur-Lemisch-Platz wird zum ultimativen 'hero' der Geschichte Klagenfurts: He-Man, zentraler Charakter der Action-Figuren-Serie 'Masters of the Universe' und Protagonist zahlreicher Comic-Serien.

In diesen und vielen weiteren Bildern erzählt Deborah Sengl Klagenfurt neu und zeigt mit großem künstlerischem Können eine gelungene Auseinandersetzung mit ortsrelevanten Themen, denen sie, auch (oder gerade) als Nicht-Kärntnerin, mit Witz auf den Grund geht. Sonja Traar, 2018


„Ich glaube, es ist gut, dass wir Menschen die Möglichkeiten haben, durch verschiedene Tarnungen in verschiedene Positionen zu gelangen. Auch wenn der Mensch im Gegensatz zum Tier sich ökologisch oft nicht sinnvoll tarnt. Die Wissenschaft interessiert und fasziniert mich, andererseits ist mir prinzipiell in der Kunst, nicht nur in meiner, der Humor sehr wichtig. Trotzdem bleibt der Hintergrund ernst. Es geht ums Fressen und Gefressen werden, Täter und Opfer. Aber es ist eben nur ein Konzept, das real so nicht funktionieren würde, eine Libelle wird nun mal nicht so groß wie eine Ente. Für mich ist aber genau das etwas sehr Menschliches. Da geht es ums Verkleiden, um das etwas Vorgeben müssen, um bestehen zu können. Diese Tarngeschichten bleiben mein Hauptthema: wie geht der Mensch mit sich um? Wie mit anderen? Wie mit Tieren? (…) da liegt noch ungeheures Potential, da kann ich forschen.“ Michaela Knapp im Gespräch mit Deborah Sengl


Deborah Sengl


1974 in Wien geboren
1992 Studium an der Hochschule für angewandte Kunst, Wien (Meisterklasse Terzic).

1995 Gastsemester an der Kunsthochschule Berlin / Weißensee (Modeabteilung).

1997 Diplomabschluss (Meisterklasse Attersee).

Seit 1995 Ausstellungen im In- und Ausland

Institutionelle Einzel- und Gruppenausstellungen (Auswahl): im Austrian Cultural Institute (USA), Bonner Kunstverein (D), Neue Galerie Graz (A), Essl Museum (A), Österreichisches Kulturforum Bratislava (SK), Nationalgalerie Tirana (AL), European Forum Alpbach 2018 (A), Kunsthalle Rostock (D), Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum (A), Museum am Ostwall (D), Museum Moderner Kunst Kärnten (A), Kunsthalle Osnabrück (D), Kunstmuseum Lentos (A), Georg Kolbe Museum (D), NGBK (D), Zacheta Nationalgalerie (PL), Leopold Museum (A), Museum of Contemporary Art Krakow (PL), David Winton Bell Gallery (USA), Stiftung Schloss Moyland (D), Museum Sinclair Haus (D), Kunstmuseum Ravensburg (D), MAK (A), Kunsthistorisches Museum (A), Jüdisches Museum (A), MuseumsQuartier Wien (A), Landesgalerie Niederösterreich (A)

Die Künstlerin wird in Kärnten von der Galerie Walker, Schloss Ebenau im Rosental vertreten

logo kärnten.museum