Anselm Kiefer

Anselm Kiefer, für Ingeborg Bachmann, 2014 Ingeborg Bachmann, die seit den 1960er Jahren in Kiefers Arbeiten präsent ist, widmete er eine seiner Glasvitrinen mit Stillleben aus der Serie Opus

Stahl, Glas, Blei, Holz, Rost, getrocknete Blumen, Tinte

Magnum, die zwischen 2014 und 2016 entstanden ist. Der Glasbehälter ist bleigefasst und mit einem auf Grund gelaufenen Schiff, das von den Spuren der Zeit gezeichnet ist und auf getrockneten Rosen gebettet erscheint, befüllt. An ein Auslaufen ist nicht mehr zu denken. Wie eine Zeitkapsel ist das zu einem kunstvoll arrangierten Stillleben in der Vitrine als Gedächtniszeichen lesbar. Kiefer setzt sich in diesem komplexen, assoziationsreichen Ensemble aus Dingen und Bedeutungen mit dem Erinnern, insbesondere aber auch mit der Vergänglichkeit und dem Vergessen auseinander. Für Ingeborg Bachmann steht wie mit ungelenker Kinderhand auf der Vitrine geschrieben. Kaum ein Werk Kiefers ist nicht beschriftet: Namen von Orten, Göttern und Personen oder Gedichtzeilen sind meist auf die gläsernen Wände der Vitrinen geschrieben und werden dadurch zu einem Teil des Werks. Mit seinen Arbeiten bekundet Kiefer seine große Wertschätzung für die Schriftstellerin und setzt sich seit vielen Jahren intensiv mit ihrem Werk auseinander.

Anselm Kiefer, Undine geht, 2025

Das großformatige Gemälde Undine geht wurzelt in einer Erzählung von Ingeborg Bachmann aus dem Jahr 1961, in der sie einer Frau, die den Namen einer Wassernymphe trägt, eine starke Stimme gibt. Mit ihrer eigenständigen Rede „Ihr Ungeheuer mit Namen Hans“ beginnt der als Monolog gestaltete Text und markiert damit eine radikale Abkehr von dem seit dem 19. Jahrhundert bekannten, romantischen Undine-Stoff. Bachmanns Text wird bei Kiefer ins Bild übertragen. Das Gesicht der Nymphe taucht aus einem Geflecht von übereinandergelegten grünen Farbblättern auf, sodass das nicht klar konturierte, im Wasser lebende weibliche Wesen aus den Bildschichten hervorzuwachsen scheint. Die Farbe ist dick auf die Leinwand aufgetragen, wodurch eine schrundige Oberfläche entsteht, die die Verwundeten und die Traumata des 20. Jahrhunderts widerspiegeln. In Kiefers Werk sind die Nymphen bereits durch Sprache, Bild und Geschichte hindurchgegangen. Sie treten nicht aus unberührten Quellen hervor, sondern aus Sedimenten, die von Konflikten historischer und elementarer Kräfte zeugen. In dieser Vielschichtigkeit lassen seine Arbeiten die Spuren anderer moderner und zeitgenössischer Kunst erkennen.

Wim Wenders, Anselm – das Rauschen der Zeit, Dokumentarfilm

Mit dem Film hat Wim Wenders seinem Freund Anselm Kiefer ein filmisches Denkmal gesetzt. Mehr als zwei Jahre begleitete er Kiefer mit der Kamera und hielt dessen über fünf Jahrzehnte umspannende Karriere fest. Der Film beleuchtet Kiefers Arbeit, seinen Lebensweg, seine kreativen Prozesse sowie die Faszination des Künstlers für Mythos und Geschichte. In seinem Atelier in Croissy, einer ehemaligen Lagerhalle östlich von Paris, sieht man, wie Kiefer mit dem Fahrrad, Gabelstapler oder Frontlader die großen Räume durchquert, Farbmassen auf überdimensionale Leinwände aufträgt und mit einem Gasbrenner Bilder in Flammen setzt, um sie anschließend wieder zu löschen. Durch die Dreidimensionalität des Films wird die Monumentalität der Gemälde und Skulpturen räumlich fassbar. Der Untertitel spiegelt den Versuch wider, dem Schweigen der Nachkriegszeit zu entkommen und das Echo der Geschichte in der Kunst hör- und sichtbar zu machen. Mit dem Dokumentarfilm taucht Wim Wenders tief in die Welt eines des bedeutendsten zeitgenössischen Künstlers ein. Die Premiere von Anselm – das Rauschen der Zeit fand am 17. Mai 2023 bei den Filmfestspielen in Cannes statt.

Anselm Kiefer, Biografie

Anselm Kiefer, kurz vor Kriegsende 1945 in Donaueschingen geboren, zählt zu den vielseitigsten Künstlern der Gegenwart. Sein Werk umfasst Malerei, Skulptur, Fotografie, Holzschnitt, Künstlerbuch, Installation, Bühnenbild und Architektur. Kiefer begann ein Studium der Rechtswissenschaften und Romanistik in Freiburg, bevor er ab 1966 an der Hochschule für Bildende Künste in Freiburg und Karlsruhe bei Peter Dreher und Horst Antes studierte. Anfang der 1970er Jahre nahm er Kontakt zu Joseph Beuys auf, an dessen Aktion Save the Woods er 1971 in Düsseldorf teilnahm. Von 1971 bis zu seiner Übersiedlung nach Frankreich 1992 arbeitete Kiefer in Hornbach und Buchen im Odenwald. In dieser Zeit waren Wagners Nibelungen-Zyklus, Referenzen zur Alchemie und zum Christentum sowie die Poesie von Paul Celan und Ingeborg Bachmann zentrale Themen seines Schaffens. Gleichzeitig begann er, symbolisch aufgeladene Materialien wie Stroh, Blei, Pflanzen, Haare, Sand und Asche in seine vielschichtigen Arbeiten einzubeziehen. Er setzte sich zudem offensiv mit der tabuisierten jüngeren Geschichte Deutschlands auseinander. Durch visuelle Zitate und die Dekonstruktion nationalsozialistischer Architektur sowie germanischer Heldensagen wie der Hermannsschlacht beschäftigte er sich mit der belasteten Identität und Kultur seines Landes. 1980 vertrat Anselm Kiefer neben Georg Baselitz die Bundesrepublik Deutschland auf der Biennale in Venedig und erlangte in der Folge internationale Anerkennung und seinen künstlerischen Durchbruch. Den Themenkreis deutscher Geschichte und nordischer Mythologie erweiterte er Ende der 1980er Jahre um orientalische Kulturen und die jüdische Mystik, die bis heute einen wichtigen Platz in seinem Werk einnimmt. Nach seinem Umzug nach Frankreich bildeten Astronomie, Philosophie und die Kosmogonien verschiedener Kulturen neue Schwerpunkte seiner Arbeit. Kiefers Werke sind von literarischen Referenzen durchzogen, die sich zu einem komplexen Gewebe von Bedeutungen überlagern. Das Interesse an Büchern sowohl als Text als auch als Objekt ist prägend für sein Werk. Künstlerbücher bildeten von Beginn an einen bedeutenden Teil seines Œuvres. Anselm Kiefer hat nicht nur Gemälde, Skulpturen und Bücher geschaffen, sondern auch bestehende Architektur und Landschaften umgestaltet. Nach dem Umbau einer ehemaligen Ziegelei in Höpfingen im Odenwald schuf er Installationen und Skulpturen, die zu einem integralen Teil des Ortes wurden. Einige Jahre nach seinem Umzug nach Barjac in Südfrankreich verwandelte er das Gelände einer stillgelegten Seidenspinnerei in ein ober- und unterirdisches Netz aus Wegen, Tunneln und Krypten, die mit zahlreichen Kunstinstallationen verbunden sind. Das Atelier in Barjac ist heute Teil der öffentlich zugänglichen Eschaton-Kunststiftung Anselm Kiefer. Die Eröffnung im Mai 2022 fiel mit Kiefers Rückkehr nach Venedig zusammen, wo parallel zur Biennale ein von den Schriften des italienischen Philosophen Andrea Emo angeregter Gemäldezyklus im Dogenpalast zu sehen war. In den letzten Jahren hatte Kiefer mehrere bedeutende Einzelausstellungen, unter anderem in Kyoto, Amsterdam, London und Mailand. Seit April 2025 ist das Haus Kiefer, das Elternhaus des Künstlers in Rastatt, als neuer Ausstellungsort für die Öffentlichkeit zugänglich. Kiefers Werke sind weltweit in bedeutenden öffentlichen und privaten Sammlungen vertreten. Permanente Installationen befinden sich unter anderem im Louvre und im Panthéon in Paris. Anselm Kiefer lebt und arbeitet in Frankreich.

Barbara Klemm, Ingeborg Bachmann, Frankfurt am Main, 1971

Gelatinsilberabzug auf Barytpapier

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