Was der Lindwurm unter seinen Flügeln bewahrt
Es war einmal… alles ein bisschen anders. 1590 hatte man dem Bildhauer ein Pergament mit einer sagenhaften Sage überreicht und ihm befohlen: „Schaffe daraus ein Ebenbild aus Stein!“
Eine neue Sage von Folke Tegetthoff
Es war einmal… alles ein bisschen anders. 1590 hatte man dem Bildhauer ein Pergament mit einer sagenhaften Sage überreicht und ihm befohlen: „Schaffe daraus ein Ebenbild aus Stein!“ Anders als bei anderen Aufträgen dieser Art hatte der Künstler nach Monaten noch immer keine Skizze angefertigt, ja wollte nicht einmal die Idee einer Figur in seinem Kopf entstehen lassen – irgendetwas geheimnisvoll Magisches diktierte ihm, dass er einen ganz bestimmten Felsblock zu suchen habe, Ursprüngliche Sage: © Maierbrugger, 2004, S. 223-224 aus dem er dann sein Werk schaffen würde.
Als er eines Morgens um den See, der auch schon damals „Wörthersee“ hieß, wandert, findet er dort am Ufer, als wäre er erst gerade eben vom Himmel gefallen, einen riesigen Felsblock. Der Bildhauer spürt, weiß sofort: Genau dieser ist der richtige. Er umkreist das mächtige Ding, klettert hinauf, setzt sich auf ihn. Als er seinen Hammer aus dem Gürtel holt, um mit sanftem Schlag seine Festigkeit zu prüfen, hört er mit einem Mal ein Lachen. Kein lautes, ein ganz leises. Und es scheint ihm, als käme es aus dem Inneren des Steines. Nun beginnt er, ein bisschen fester zu klopfen, so als wolle er etwas befreien, was sich da scheinbar im Inneren verbirgt. Immer stärker schwingt er den Hammer, bis plötzlich der Kopf eines Tieres erscheint… So also war es wahrhaftig gewesen: Mein Freund, der Bildhauer, hatte mich nicht erschaffen, er hatte mich nur befreien müssen! Und seitdem stehe ich auf dem Neuen Platz und endlich, nach so langer Zeit, kann ich meine Geschichte erzählen. Ich bin älter als Klagenfurt. Älter als der Wörthersee. Ja, ich bin älter als die Berge, die heute so selbstverständlich über Kärnten wachen. Damals trugen sie noch keine Wälder. Nur nackte Felsen. Die Erde war so jung - ich erinnere mich an ihre ersten Versuche. Manche Flüsse flossen damals bergauf. Einige Täler waren so krumm geraten, dass die Erde sie nachts heimlich korrigieren musste. Die Meereswellen kannten kaum Land, auf das sie treffen konnten. Unvorstellbar lange Zeit verging, bis die ersten Tiere übers Land zogen – sie waren keine Ungeheuer, sondern Wächter. Die einen sollten den Wind hüten. Andere alles Grün bewachen. Manche den Gletschern zeigen, wohin ihre Bäche zu fließen haben.
Dann geschah etwas, das die Welt veränderte.
Ein Feuerstern fiel vom Himmel. Lange brannte der
Horizont und lange verdunkelte Asche die Sonne.
Viele Lebewesen verschwanden, verschluckt von
der großen Geschichte der Erde.
Nach vielen zehntausenden von Jahren, zogen neue
Tiere über Steppen, durch den Schnee und durch
die Meere. Und dann brachte die Erde ein Wesen
hervor, das all ihre Wunder, diese ihre ganze, große
Geschichte verstehen, benennen und weitererzählen
sollte: Den Menschen!
Wieder musste die Erde sich millionenmal drehen,
bis diese so klugen, so fantastischen, so wissbegierigen
Menschen die Vergangenheit in ihr Heute
holten: Sie fanden die Überreste meiner Vorfahren.
Nannten sie Dinosaurier und Mammuts, Flugdrachen
und Wollnashörner. Einer betrachtete den Schädel eines solchen Wollnashorns und meinte, die beiden
großen Öffnungen seien Augen und die Öffnung
in der Mitte, musste das Maul eines schrecklich
wilden Tieres sein. So wurde ich aus der Fantasie
der Menschen und der Geschichte eines Knochens
geboren! Ein Ungeheuer, das mal Schafe fressen
und mal Jungfrauen verschlingen sollte. Das mal
mit Rittern kämpfte und mal einfach in den Sümpfen
wühlte. Und sie nannten mich Lindwurm. Ein gar nicht
so schlecht gewählter Name, wüssten die heutigen
Menschen nur, was er eigentlich bedeutet: Das
„Lind“ bedeutet sanft, sorgsam und beschützend. So
wie es klingt, wenn Regen auf trockenes Moos fällt.
Wenn ein Blatt auf einen Bach sinkt. Wenn jemand
eine Geschichte erzählt. Und warum man mich zu
einem „Wurm“ machte? Weil ich eben kein Drache
mit vier Beinen, Flügeln und feuerspeihend war (der
zugegeben zwischendurch vielleicht auch mal eher aus Versehen einen Jungmann oder eine Ritterin
verspeiste…), sondern eher ein schlangenartiges,
zweibeiniges Wesen mit kleinen Flügeln bin.
Das früher sehr gemütlich, friedlich und vegan in
Sümpfen und in der Nähe von Quellen lebte und
bis heute am allerliebsten der großen Geschichte
der Erde zuhört.
Ja, DAS bin ich. Ein sanfter Drache. Geformt nicht aus
steinernen Schuppen, sondern - aus Geschichten!
Wenn ich zum Beispiel manchmal ganz still am Rand
des Wörthersees sitze und neben mir ein Mensch
stehen bleibt, über das Wasser schaut, den Wind
spürt und plötzlich etwas fühlt, so als wäre er nicht
allein - dann weiß ich: Er hat mich für einen Augenblick
erahnt. Wenn ich nachts durch die Straßen
meiner Stadt spaziere und alles einsammle, was die
Menschen verloren haben: Aber nicht Münzen, keine Schlüssel und auch keine Handschuhe. Ich sammle
das Staunen. Über das erste Grün im Frühling. Über
ein Lächeln, das einem jemand im Vorübergehen
schenkt. Einen Duftzug, der gerade die Linde verlassen
hat. Oder wenn ich Kleine und Große belausche,
wenn sie Bäume sprechen hören, Riesen und Feen
erscheinen lassen und Sterne vom Himmel holen,
die ihnen ihre Wünsche erfüllen. Dann bewundere
und beneide ich sie um diese, ihre einzigartige Kraft,
die Fantasie heißt.
All das bewahre ich unter meinen Flügeln auf. Denn
ich weiß: Wenn die Menschen eines Tages nach
diesen Erlebnissen suchen, wird es jemanden geben
müssen, ihnen davon zu erzählen.
Dass dies mein Schicksal und meine Aufgabe werden
würde, wusste ich seit dem Moment, als ich das
Klopfen des Bildhauers hörte – er war der erste Mensch gewesen, der mein wahres Wesen erahnt
hatte, seiner inneren Stimme gefolgt war und mich
auch schließlich fand. In diesem Augenblick wusste
ich, dass nun der Moment gekommen war, meine Welt
der Stille zu verlassen. Der Wind und der See hatten
mir dieses Abenteuer vor unendlich langer Zeit schon
prophezeit, damals als ich hierhergekommen war…
So unendlich lange ist dies her. Und so unendlich
viele Jahre war nichts geschehen. Wobei dieses
„Nichts” das Beste ist, was einer Landschaft passieren
kann. Der Morgen brachte dem See Nebel,
damit er noch ein bisschen länger wellenträumen
konnte. Tagsüber erfreute er sich am Lachen der
Möwen. Der Abend färbte ihm den Himmel rotromantisch.
Rehe kamen, um aus ihm zu trinken und Biber
bauten ihre Burgen. Füchse zogen lautlos durch das
Schilf. Das war alles. Bis die Menschen kamen. Zuerst waren es nur wenige,
die sich einfache Hütten bauten. Die dem Wald
genauso viel Holz nahmen, wie sie wirklich brauchten.
Die so viele Fische fingen, wie der See ihnen
geben wollte. Die ihre Äcker bestellten und dafür der
Erde in langen Zeremonien für die Früchte dankten.
Mit dem sich drehenden Rad der Zeit wurden aus
Hütten Häuser. Zwischen Häusern entstanden Gassen.
Aus Gassen wurde eine Stadt. Die irgendwann nach
einem Lindwurm rief: Auf ihren Befehl hin, hatte der
Bildhauer sich auf den Weg zu mir gemacht.
Mehr als vierhundertfünfzig Jahre sind seitdem
vergangen. In denen ich miterlebte, wie die Welt sich
immer schneller vorwärtsbewegte, ein Wimpernschlag
der Zeit nun mehr veränderte, wofür es zuvor
Jahrtausende gebraucht hatte. Dieser wahnwitzige
Wandel war zunächst kaum zu spüren gewesen: Wie ein kleiner, falscher Ton im Klangbild eines
riesigen Orchesters. Ich erlauschte es zuerst im Lied
der Quellen, das nicht mehr so hell klang, wie ich es
kannte. Ich entdeckte es bei uralten Bäumen, die
stiller und stiller wurden - als wüssten sie um ein
Geheimnis, das es besser zu verbergen galt. Und
wenn der Wind sich um mich legte, spürte ich, dass
er nicht mehr nur nach Moos und Regen roch.
„Weißt Du, was da los ist?“, frage ich den See.
„Kannst Du Dich erinnern“, antwortet er mir, „vor
wem wir uns vor Millionen von Jahren in Acht zu
nehmen hatten? Vor der Unberechenbarkeit der
Erde selbst! Sie lehrte uns, das von ihr geschenkte
Leben mit Demut anzunehmen und uns der Tatsache
zu fügen, dass wir ihrem Tun und Handeln niemals
entrinnen können. Nun aber hat die Welt sich gewandelt: Nun sind es nicht mehr die Elemente, vor
denen wir uns fürchten müssen, jetzt sind es
die Menschen.“
„Recht hast du“, mischt sich der Wind ein, während
er dem See gerade ein paar Wellen schenkt, „der
Untertan hat sich zum König gemacht. Jedoch zu
einem Herrscher ohne majestätische Weisheit,
grenzenloser Umsicht und vorausschauender Güte.
Er versteht nicht, wie sehr es mich schmerzt, Feuer
in Bruderwälder, Fluten über Schwesterland und
Wüstenhitze über Kontinente zu bringen.“
„Wenn die Wasser der Gletscher in mich fließen“, fügt
der See leise hinzu, „erzählen sie mir von deren Leid.
Von deren Ahnung und Angst, bald ihre meterdicken
Eiskostüme zu verlieren, bald felsig nackt dazustehen
und aufzuhören zu existieren. Und zu einer
fabelhaften Erzählung aus ferner Zeit zu werden.“ „Genauso wie es auch mir ergangen war“, antworte
ich still.
Aber nun da ich zurückgekehrt bin in das Heute,
spüre ich, dass es so viele Menschen gibt, die all
den Wandel, der sie umgibt, erkennen, aufstehen
und sich mutig denen widersetzen, die ihn leugnen,
nicht wahrhaben wollen, was uns allen, der gesamten
Schöpfung und der Natur widerfährt: Jeder
Biene, die keine Blüte mehr findet. Jeder Traube,
deren Rebe dürstet. Jeder Mensch, der vor unmenschlicher
Hitze flüchtet.
Zu viele Menschen, scheint es mir, meinen, dieses
fantastische Haus, das Erde heißt, das ihnen so
großzügig geliehen war, in Besitz nehmen zu müssen.
Meinen, es besser abzureißen, um sich stattdessen
ein Zuhause nach eigenem Willen, eigenem Gutdünken
und eigenen Wünschen zu bauen. Und der Natur den Schlüssel zum Tor und damit den Zugang
zu verwehren! „Wir wollen es uns nicht ausmalen“,
antworten mir See und Wind mit gleicher Stimme,
„wohin uns all dies führen wird. Aber Du, unser
Lindwurm, der du ihnen so nahe bist und sie Dir, lass
sie bitte nicht im Stich. Du, der aus so weiter Ferne
einen Blick auf sie zu werfen imstande bist, kannst
vielleicht ihr Handeln verstehen und ihnen damit
helfen!“
Meine Freunde haben recht: Ich fühle mich den
Menschen wirklich sehr nahe. Deshalb kann ich
auch diese seltsame Unruhe wahrnehmen, die sich
mehr und mehr auszubreiten beginnt. Eine Unruhe
bestimmt von jenem „Mehr“, das alles zu überfluten
droht: Mehr Häuser. Mehr Straßen. Mehr Dinge. Mehr
Geld. Mehr Vergnügen. Mehr Macht. Mehr von allem.
Nur eines wird immer weniger: Zeit. Zeit für einen Sonnenaufgang an den Ufern des Sees. Zeit für den
Gesang einer Amsel am Alten Platz. Zeit, einem Kind
zuzuhören. Zeit um innezuhalten, die Natur zu verstehen:
Würde denn ein Adler mehr Himmel in Besitz
nehmen, als er zum Fliegen braucht? Würden Fische
ihren See leertrinken? Ein Obstbaum sich wünschen,
seine Früchte bis zu den Sternen wachsen zu sehen?
Nur der Mensch scheint zu glauben, dass er sich ein
Genug nicht leisten könne - wer niemals genug hat,
wird auch niemals satt. Nicht im Bauch. Und nicht
im Herzen.
Zurück am Neuen Platz, scheint der Wind zu bemerken,
dass ich nachdenklicher als sonst auf den Herkulesbrunnen
vor mir starre. Und so fragt er mich, ob ich
mich denn vor den Menschen fürchte.
„Nein“, antworte ich ihm, „nicht vor den Menschen
fürchte ich mich, nur vor dem Vergessen. Denn wenn der Mensch vergisst, dass er Teil der Erde und ihrer
Natur ist, wird er irgendwann beginnen zu glauben,
dass sie ihm gehöre. Dass alles ihm gehört. Dass
das ihm geliehene Haus tatsächlich zu seinem
Besitz geworden ist.“
Während ich dies dem Wind erzähle, sehe ich
mit einem Mal ein Kind, das einen Käfer vorsichtig
vom Platz auf ein Stück Wiese trägt. Höre ich von
jungen Menschen, die Bäume pflanzen, deren
Schatten sie vielleicht niemals nützen werden
können. Entdecke ich eine alte Frau, die sich beugt,
den Müll anderer aufzusammeln, ohne sich dafür
ein Danke zu erhoffen.
Und ich spüre, ahne, nein, ich weiß, dass die Zeit
gekommen ist, meine Flügel sanft, nur ein bisschen
auszubreiten, um all die darunter in Jahrtausenden
gesammelten Geschichten fliegen zu lassen – um damit meine geliebten, so klugen, so fantastischen,
so wissbegierigen Menschen daran zu erinnern,
dass ein jeder von uns – Du, ja DU und auch ich –
diese große Geschichte der Erde von unserem
ersten Augenblick an in uns tragen.
Und es nun an Dir liegt, ja – an DIR, mich zu befreien.
So wie mich damals der Bildhauer aus dem Felsen
befreite, kannst Du, ja DU, mich nun aus dem Stein
holen - in DEINE Fantasie! Denn nur so kann ich
wieder lebendig werden…